Am 20. Jänner 2019 ist Martin Habacher verstorben. Ein widerspenstiger Aktivist, vielseitiger Youtuber, bemerkenswerter Entertainer und später Doku-Star. Ein Nachruf auf Martin Habacher

Am 20. Jänner 2019 ist Martin Habacher verstorben. Ein widerspenstiger Aktivist, vielseitiger Youtuber, bemerkenswerter Entertainer, später Doku-Star und wunderbarer Typ.

Von Marc Carnal

Ich lernte Martin Habacher vor zehn Jahren bei einem Vorstellungsgespräch in seiner Wohnung kennen. Martin suchte einen persönlichen Assistenten und fragte mich scheinbar beiläufig, warum ich mich eigentlich beworben hatte. Ich antwortete, dass ich einen Nebenjob brauchte und meine Miete gerne mit „etwas Sinnvollem“ verdienen würde.

Es folgte eine herbe Predigt. Nicht die letzte, die mir Martin zuteilwerden lassen sollte. Unmissverständlich wies er mich darauf hin, dass die Arbeit für und mit Behinderten nicht „sinnvoller“ ist als irgendein anderer Job, und dass ich auf der Suche nach bezahlter moralischer Überlegenheit oder Gewissensberuhigung mit Stundenlohn bei ihm an der falschen Adresse war.
Ich entschuldigte mich für die Floskel und gab zu, noch restfett zu sein und einfach irgendwas dahergebrabbelt zu haben.
Martin wusste meine Ehrlichkeit zu schätzen und ich seine.

Ich wurde sein Assistent und lernte zuerst einmal Putzen. Und zwar Putzen im Sinn von… Putzen. Martin war ein glühender Sauberkeits-Anhänger – man könnte auch sagen: ein pedantischer Staubphobiker – und konnte seinem Personal mit bemerkenswerter Vehemenz beibringen, wie eine makellos gereinigte Badewanne auszusehen hat, wie man einen Glastisch korrekt abwischt oder was ein sachgemäß verwendeter Staubsauger zu leisten imstande ist. Schon nach wenigen Wochen wurden meine eigenen vier Wände merkbar sauberer, weil es mir zu blöd wurde, von Martins penibel reinem Reich in meine versiffte Wohnung heimzukehren. Bald lernte ich obendrein, wie man sparsamer einkauft, Zimmerpflanzen korrekt hegt, Wäsche effizienter wäscht, Betten detailverliebt überzieht oder abwechslungsreich vegetarisch kocht. Dank Martin wurde ich ein zweifelsohne besserer Hausmann.

Vor allem aber lehrte er mich, was Barrierefreiheit bedeutet. Wer mit Martin regelmäßig unterwegs war, verstand mit der Zeit, die Umgebung durch seine Augen wahrzunehmen. Durch die Augen eines ein Meter großen Mannes mit Osteogenesis imperfecta, auch als „Glasknochenkrankheit“ bekannt, der mit seinem Joystick einen 120 Kilo schweren E-Rollstuhl auf atemberaubend präzise und (manchmal fast im wahren Wortsinn) halsbrecherische Weise durch die Geographie steuerte. Wer Zeit seines Lebens auf ein solch stolzes Gefährt angewiesen ist, wird bei den immergleichen Ausreden für rampenlose Stufen, schalen Begründungen für unzugängliche Toiletten, bei defekten Aufzügen, schmalen Türen und schlecht geplanten Gehsteigen schnell und zurecht rabiat. Er schärfte meinen Blick für bauliche Barrieren und für geistige:

Die Grenzen des guten Geschmacks – Interview mit Martin Habacher auf dasbiber.at

Besonders beeindruckend an Martin war für mich immer die trotzige Selbstverständlichkeit, mit der er auf seinen Rechten beharrte und diese wenn nötig mit allen verfügbaren Mitteln durchsetzte. In den ersten Monaten meiner Tätigkeit war es mir manchmal unangenehm, den kleinen Quälgeist zu begleiten, wenn er sich in Magistratsabteilungen, Restaurants, Museen, Arztpraxen oder Schwimmbädern vehement über Bodenschwellen, Mini-Klos und fehlerhafte Angaben auf Websites beschwerte.

Dann begann ich zusehends, seinen Groll zu verstehen und auch zu teilen. Je öfter Martin angeboten wurde, von fremden Händen in den ersten Stock getragen zu werden, je öfter man seinen Kampf für Barrierefreiheit als querulantischen Egoismus abtat und je öfter er eine Frage stellte, sein Gegenüber aber mir antwortete, desto eher kapierte ich, dass es ihm schlicht und einfach um Gleichberechtigung und Augenhöhe ging, und dass er jedes Recht der Welt hatte, seine Anliegen unmissverständlich und laut durchzusetzen.

Meine Zeit als persönlicher Assistent endete 2011, als Martin einen Monat in New York verbrachte und ich ihn begleiten durfte. Die gemeinsame Reise war ein krönendes und intensives Finale. Wir verbrachten 24 Stunden miteinander, legten täglich unzählige Kilometer (in meinem Fall) zu Fuß zurück, weil nur ein Teil der New Yorker U-Bahn-Stationen mit Aufzügen ausgestattet ist, lachten und tranken und stritten und diskutierten zusammen und schliefen im selben Zimmer. Wenn Martin nachts aufs Klo musste, weckte er mich mit einer Schnur, die um mein Handgelenk gebunden war, aus meinem sehr tiefen Schlaf – Eine Folter für beide. Unser professionell-distanziertes Verhältnis wich zwangsläufig der ausführlichen und emotionalen Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Anders gesagt: einer vorsichtigen Freundschaft. Nach unserem Monat in New York waren wir uns einig, dass ich nicht länger sein Assistent sein wollte und konnte.

Trauer um #mabacher auf Twitter

Wie bereits angedeutet, habe ich in diesen zwei Jahren viel von Martin gelernt. Die Spuren, die ich umgekehrt in seinem Werdegang hinterlassen durfte, waren wesentlich unbedeutender. Dennoch wage ich zu erwähnen, dass ich ihn 2009 mit sanftem Druck davon überzeugte, bei der entsetzlichen Superpraktikant-Aktion von Josef Pröll teilzunehmen – Das erste Mal, das Martin einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

Das sollte nicht sein letzter Online-Furor bleiben. Er begann damals auch zaghaft, youtube-Videos zu produzieren. Die ersten Versuche waren noch unentschieden, amateurhaft produziert und konzeptlos. Dennoch stammt sein größter youtube-Hit aus jenen Tagen: In einem meiner letzten Dienste zwang mich Martin, mit einer sogenannten Travel Pussy zu hantieren. Ein Behinderter mit billigem Sexspielzeug, das funktioniert natürlich auf youtube. Ungeachtet der quälenden Dramaturgie, des schlechten Sounds und meiner unausgeschlafenen Performance wurde das verfluchte Video zu seinem Klickhit:

Immer wieder bat ich Martin zaghaft, das vermaledeite Werk zu löschen, doch er wollte verständlicherweise seinen Kanal nicht um eine halbe Million Views erleichtern. Jetzt hat er das Travel-Pussy-Video also wirklich mit ins Grab genommen, ich glaub’s nicht…

Glücklicherweise sollte es beileibe nicht sein letztes bleiben. In den vergangenen Jahren firmierte Martin als der „kleinste Social Media-Berater der Welt“. Mit zahlreichen fantasievollen, komischen, mutigen, aktionistischen und klugen Videos erlangte er beachtliche Bekanntheit, er moderierte TV-Sendungen, hielt Vorträge, schrieb Kolumnen, war gefragter Diskussionsteilnehmer, Accessibility-Checker
und Witze-Erzähler. Martin übte auf seinen mabacher-Kanälen Medienkritik, legte sich mit Christian Kern an, kochte, führte im letzten Wahlkampf seine eigenen Sommergespräche oder machte Roman Kienast zum Rollstuhl-Fußballer

Und parodierte Werbespots:

Die Liste seiner vielen Ideen, Aktivitäten, Aktionen und Erfolge ließe sich wirklich noch lange fortführen. Ihren Abschluss bildet jedenfalls der letzte und vielleicht größte Meilenstein in Martins Werdegang: Der Film Mabacher – #Ungebrochen von Stefan Wolner.

Nachdem diese fantastische Doku zurecht namhafte Preise gewinnen konnte, ist für Februar der österreichweite Kinostart geplant. Ich hoffe sehr, es bleibt dabei und empfehle diesen wunderbaren Film nachdrücklich!

Er schafft, woran ich mit diesem unbeholfenen Nachruf scheitere: Ein umfassendes, rundes und eindrückliches Portrait von Martin Habacher zu zeichnen, ohne je pathetisch oder distanzlos zu werden.

Ich schätze mich glücklich, ihn gekannt zu haben. Martin hatte wirklich enge und treue Freundinnen und Freunde, zu diesem erlesenen Kreis habe ich nicht gezählt. Aber uns hat eine respektvolle, wertschätzende und offene Bekanntschaft verbunden. Wir haben uns neben einer losen Korrespondenz nur alle zwei, drei Monate getroffen, aber wenn, dann wurde es fast immer spät und leidenschaftlich, manchmal auch größenwahnsinnig.

Wer mit einem gläsernen Skelett zur Welt kommt, muss wohl ein harter Knochen werden, um sich seinen Weg zu bahnen. Martin war ein wunderbarer, im besten Sinn streitlustiger, äußerst humorbegabter, schlauer Mensch. Für mich persönlich ist sein wichtigstes Erbe, dass er mir wie kein zweiter den Unterschied zwischen Respekt und Mitleid beigebracht hat.

Ich schulde Martin noch einen Gin Tonic und bin verdammt traurig, dass er ihn nicht mehr trinken kann. Also werde ich eben im Frühling mit zwei Gläsern an sein Grab fahren, auf ein letztes Prost. Versprochen.